Einen Hausarzt zu finden, ist für viele Menschen inzwischen zu einem Geduldsspiel (und zu einer Telefon-Odyssee) geworden – selbst in Regionen, die den Ruf haben, ein starkes Gesundheitssystem zu besitzen. In Massachusetts spitzt sich das Problem besonders zu: Die Zahl der Hausärztinnen und Hausärzte schrumpft dort schneller als in den meisten anderen Bundesstaaten, und das bekommen Patientinnen und Patienten unmittelbar zu spüren, wenn sie Sätze hören, die fast absurd klingen: „Wir geben Ihnen einen Termin in anderthalb Jahren … oder in zwei Jahren.“
Vor diesem Hintergrund setzt Mass General Brigham (MGB), das größte Krankenhausnetz des Bundesstaates, zunehmend auf künstliche Intelligenz – mit einem Programm namens Care Connect. Es soll einen schnellen Zugang zu Telemedizin-Terminen ermöglichen und eine seit Jahren überlastete Primärversorgung entlasten. Ist das das nötige „Upgrade“ für das System – oder eher eine Übergangslösung, die Risse überdeckt, ohne das Fundament zu reparieren? Versteht ihr jetzt, warum große Unternehmen anfangen, KI-Rechenzentren ins All zu bringen?
Was Care Connect ist und wie die KI-gestützte Versorgung funktioniert
Care Connect ist ein im September gestartetes Programm von MGB, das einen Erstkontakt über einen KI-Agenten mit einer anschließenden ärztlichen Behandlung per Video verbindet, wenn das angezeigt ist. Typischerweise beginnt alles in einer App: Die Patientin oder der Patient fordert eine Konsultation an und nimmt sich ein paar Minuten Zeit, um im Chat mit der KI zu schildern, was los ist und warum ein medizinischer Kontakt nötig ist. Anschließend erstellt das Tool eine Zusammenfassung dieses Gesprächs und sendet sie an die Ärztin oder den Arzt – zusammen mit einem Diagnosevorschlag und einem möglichen Behandlungsplan. So kann die klinische Entscheidung von Beginn an auf mehr Kontext aufbauen.
Ein besonders anschauliches Beispiel ist Tammy MacDonald, Leiterin eines Zentrums für Erwachsenenbildung nahe Boston. Nach dem plötzlichen Tod ihres Arztes musste sie Ersatz suchen – eine Situation, die rund 17% der Erwachsenen in den USA betrifft: keinen festen Hausarzt zu haben. Sie brauchte ein Rezept zur Blutdruckbehandlung und wollte nach einem Brustkrebs-Schreck die Nachsorge organisieren. Sie rief zehn Praxen in der Nähe an – ohne Erfolg: Niemand nahm neue Patientinnen und Patienten auf, manche nannten Wartezeiten von anderthalb bis zwei Jahren. Als sie einen Brief von MGB erhielt, in dem stand, dass es vor Ort keine Kapazitäten gebe, entdeckte sie den Link zu Care Connect, buchte einen Telemedizin-Termin und bekam nach rund zehn Minuten Gespräch mit der KI innerhalb von ein bis zwei Tagen eine Videokonsultation mit einem Arzt – ein Kontrast, der schwer zu übersehen ist.

Das Angebot von MGB ist klar: 24/7-Verfügbarkeit für typische Anliegen, mit Ärztinnen und Ärzten, die aus verschiedenen Teilen der USA remote arbeiten. Am Programm sind 12 Ärztinnen und Ärzte beteiligt, die sich zur Versorgung zuschalten. Die Idee: Das Tool soll als schneller Zugangskanal dienen – ähnlich einer Anlaufstelle für leichte Akutfälle –, wenn es vor allem an der Fähigkeit fehlt, zeitnah Hausarzttermine zu vergeben.
Für welche Fälle es geeignet ist (und wo es nicht reicht)
MGB beschreibt Care Connect als hilfreich bei gängigen Beschwerden: Erkältungen, Übelkeit, Hautausschläge, Verstauchungen und andere typische „Ich habe etwas und brauche jetzt Orientierung“-Situationen, außerdem bei leichten bis moderaten psychischen Problemen und einigen Themen im Zusammenhang mit chronischen Erkrankungen. Laut der Programmverantwortlichen bei MGB, Dr. Helen Ireland, ist es nicht für Notfälle gedacht und ersetzt keine körperliche Untersuchung: Sind Tests, Laborwerte oder Bildgebung erforderlich, werden Patientinnen und Patienten an Kliniken oder Labore im Netzwerk überwiesen.
Der entscheidende Punkt ist derselbe, der technologisches Versprechen von vorsichtiger Anwendung trennt. Für Dr. Steven Lin, Leiter der Primärversorgung in Stanford und Gründer eines Teams für angewandte KI-Forschung im Gesundheitswesen, ist die heute sicherste Nutzung vor allem bei akuten, klar umrissenen Fällen gegeben: Infekte der oberen Atemwege, Harnwegsinfekte, muskuloskelettale Verletzungen, Ausschläge. Für Menschen mit mehreren chronischen Erkrankungen – etwa Bluthochdruck und Diabetes – oder mit besonders schweren Diagnosen wie Herzerkrankungen oder Krebs bleibt der entscheidende Mehrwert dagegen die kontinuierliche Betreuung durch eine Fachperson, die einen regelmäßig sieht und über längere Zeit eine tragfähige klinische Beziehung mit echtem Kontext und Follow-up aufbaut.
Genau dort zeigen sich die Grenzen eines Chatbots, so „smart“ er auch wirken mag. Kritiker weisen darauf hin, dass KI wichtige Details übersehen kann, wenn mehrere Erkrankungen zusammenkommen – und dass sie keine Möglichkeit hat, sehr menschliche Hürden zu erfassen: ob sich jemand die weitere Versorgung leisten kann, ob Wege zur Behandlung überhaupt machbar sind oder welche familiären und pflegerischen Konstellationen Therapien beeinflussen. Genau diese Informationen – die sich schlecht in ein Formular pressen lassen – erkennt die klassische hausärztliche Versorgung häufig erst über die Zeit.
Trotzdem passt das Programm zu einem Muster, das sich in der Gesundheitstechnologie seit Jahren wiederholt: lieber eine sichere, überwachte Alternative, als Menschen mangels Zugang in Krankenhaus-Notaufnahmen zu drängen. Lin fasst es pragmatisch zusammen: Wenn die Versorgung sicher sein kann, ist sie besser, als gar keine zu bekommen.

Die Krise der Primärversorgung und die Debatte: Brücke oder Pflaster?
Care Connect entsteht nicht aus dem Nichts, sondern als Antwort auf einen bekannten Mix aus Personalmangel, administrativer Last und Erschöpfung. In der Primärversorgung verdienen viele Ärztinnen und Ärzte – Pädiater, Internisten und andere Fachrichtungen, die auf Kontinuität ausgelegt sind – im Schnitt 30% bis 50% weniger als Spezialisten wie Chirurgen, Kardiologen oder Anästhesisten, während ihre Arbeitslast seit mindestens zwei Jahrzehnten steigt. Das Muster ist immer gleich: tagsüber komplexe Sprechstunden und am späten Nachmittag oder Abend Akten, Dokumentation, Nachrichten und Bürokratie. Wenn sich das nach „Dauer-Multitasking“ anhört, ist das kein Zufall.
Im MGB-Umfeld waren zum Zeitpunkt von MacDonalds App-Registrierung 15.000 Patientinnen und Patienten im System ohne Hausarzt, und die Zahl stieg weiter, während Fachkräfte zu konkurrierenden Netzwerken wechselten. Dr. Madhuri Rao, Hausärztin in einem MGB-Zentrum, zeigt sich frustriert über die Leitung des Systems: Ihrer Ansicht nach würden Spezialdisziplinen priorisiert, während die Primärversorgung ins Hintertreffen gerate – obwohl sie in Wirklichkeit die Basis sei, die alles andere trägt. Parallel dazu engagiert sich ein Teil der Belegschaft in gewerkschaftlichen Organisierungsbemühungen und fordert strukturelle Veränderungen, darunter bessere Gehälter.
MGB hat angekündigt, in fünf Jahren 400 Millionen US-Dollar in Primärversorgungsleistungen zu investieren – eine Summe, in der auch der mehrjährige Vertrag mit Care Connect enthalten ist. Der COO von MGB, Dr. Ron Walls, verortet das Programm als Baustein einer breiten Strategie: Ärztinnen und Ärzte halten, neue gewinnen, Unterstützungsstrukturen ausbauen und weitere KI-Tools ausrollen. Genannt wird unter anderem eine Lösung, die Gespräche zwischen Arzt und Patient in der Sprechstunde transkribieren kann – allerdings übernehmen nicht alle das: Rao etwa äußert Bedenken zu Datenschutz, möglichen Datenlecks und dazu, dass solche Gespräche zum Training künftiger Modellgenerationen genutzt werden könnten.
Die tieferliegende Sorge, die einige Ärztinnen und Ärzte teilen, ist, dass eine Lösung, die eigentlich eine Lücke schließen soll, am Ende weniger Präsenzversorgung als neue Normalität etabliert. Dr. Michael Barnett, Internist bei MGB und ebenfalls mit dem gewerkschaftlichen Impuls verbunden, bezeichnet das als „Band-Aid“ für ein kaputtes System: nützlich zum Abdecken, aber fragwürdig als grundlegende Therapie. Die Ironie ist, dass die Technologie – wie in so vielen Automatisierungsstories – den Druck senken soll … und zugleich eine Debatte darüber auslöst, welche Form von Versorgung morgen als „Standard“ gelten wird.
Währenddessen wächst das Programm. Mitte Dezember versorgte jede Care-Connect-Ärztin bzw. jeder Care-Connect-Arzt zwischen 40 und 50 Patientinnen und Patienten pro Tag, und MGB plant, das Angebot bis Februar für Versicherte in Massachusetts und New Hampshire zu öffnen und die Belegschaft je nach Bedarf auszubauen. Patientinnen und Patienten können es als punktuellen Service nutzen oder sogar eine der remote arbeitenden Ärztinnen bzw. einen Arzt als dauerhaften Anbieter wählen – ein Modell, das auf ständige Verfügbarkeit für diejenigen setzt, die das bevorzugen.
Die technische Plattform hinter Care Connect stammt von K Health. Deren CEO Allon Bloch argumentiert, dass man zur Lösung der Probleme bei Kosten, Qualität und Zugang in den USA bei der Primärversorgung ansetzen und auf Technologie sowie KI bauen müsse. K Health arbeitet außerdem mit Netzwerken wie der Mayo Clinic und dem Cedars-Sinai Medical Center. In einer kleinen, vom Unternehmen selbst finanzierten Studie verglichen Forschende am Cedars-Sinai Hunderte Diagnose- und Behandlungsempfehlungen von KI mit denen von Ärztinnen und Ärzten: Die KI schnitt leicht besser ab, wenn es darum ging, kritische „Red Flags“ zu erkennen und sich an klinischen Leitlinien zu orientieren, während die Ärztinnen und Ärzte besonders stark darin waren, die Behandlung im Verlauf des Gesprächs anzupassen.
Für Patientinnen und Patienten, die in unrealistischen Wartelisten festhängen, ist nicht entscheidend, wer in einem Paper „gewinnt“, sondern rechtzeitig mit einer Fachperson sprechen zu können. MacDonald hat Care Connect tatsächlich noch mehrfach genutzt: In einigen Fällen sprach sie mit einem Remote-Arzt; in einem anderen – für reisebezogene Impfungen – interagierte sie zunächst nur mit dem Chatbot, bevor sie eine Reiseklinik aufsuchte. Das praktische Fazit ist simpel: Wenn du keinen Präsenztermin bekommst, kann ein telemedizinischer Weg mit KI-gestützter Ersteinschätzung dir einen Plan und etwas Ruhe geben – zumindest so lange, bis endlich dieser Hausarzt auftaucht, den wir alle noch immer suchen, als wäre er ein am Launch-Tag ausverkauftes Gerät.
Quelle: NPR / WBUR / KFF Health News

